Vibe Coding & KI

Vibe Coding: Wenn die KI zum künstlichen Bezugssystem wird

„Vibe Coding" heißt: Du beschreibst, was die Website tun soll, die KI schreibt den Code, du prüfst nur noch, ob es aussieht wie gewünscht. Das funktioniert erstaunlich oft — und genau das ist das Problem, über das kaum jemand spricht.

In der systemischen Arbeit sprechen wir von einem Bezugssystem: dem Rahmen, an dem ein Mensch oder eine Organisation ihre Entscheidungen ausrichtet, oft ohne ihn zu bemerken. Wenn du beim Programmieren jede Rückfrage an die KI auslagerst, wird sie zu genau so einem Bezugssystem — nur eben einem künstlichen, das nicht weiß, wofür deine Redaktion es später braucht.

Wo das konkret schiefgeht

Ein Beispiel, das mir in der Praxis ständig begegnet: ein Button, der aussieht wie ein Button, aber keiner ist.

<div onclick="submitForm()" class="button"> Absenden </div>

Für das Auge ist das nicht von einem echten <button> zu unterscheiden. Für Tastatur-Bedienung, Screenreader und manche Browser-Autofill-Funktionen ist es unsichtbar oder zumindest nicht bedienbar. Eine KI, die nur danach optimiert, dass es „wie gewünscht aussieht", hat keinen Grund, diesen Unterschied von selbst zu machen — sie kennt dein Ziel nicht, nur deine Beschreibung.

Die KI kennt dein Ziel nicht. Sie kennt nur deine Beschreibung.

Was das für dein Projekt bedeutet

Das heißt nicht: keine KI benutzen. Ich nutze sie selbst beim Programmieren, und offen gesagt — wie ich damit umgehe, kannst du nachlesen. Es heißt: Jemand muss das eigene, menschliche Bezugssystem behalten, an dem die KI-Vorschläge geprüft werden — sonst übernimmst du unbemerkt eines, das nur „sieht fertig aus" kennt, nicht „ist wirklich brauchbar".

Für deine Website heißt das ganz praktisch: Es reicht nicht, dass ein Formular im Screenshot gut aussieht. Jemand muss wissen, warum ein <button> kein <div> ist, warum Kontrastwerte eine Zahl haben und nicht nur ein Gefühl, und warum eine Überschrift etwas anderes ist als fetter Text. Nicht, damit du das alles selbst kannst — sondern damit du weißt, wonach du fragen kannst, wenn du eine Website in Auftrag gibst.

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